Simon David Dressler beklagt sich über das Format „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“. Für die dritte Ausgabe (verlinkt auf https://www.zdf.de/play/talk/keine-talkshow-eingesperrt-mit-jan-fleischhauer-100/bundeswehr-wehrpflicht-simon-david-dressler-100) hatte der titelgebende Journalist den Politik-Influencer eingeladen, um das Thema Wehrpflicht zu beleuchten. Im Nachgang beschwerte sich Dressler auf verschiedenen Plattformen über den Schnitt, der seine Argumente entstelle und dem der Themenblock zu „Israels Genozid in Gaza“ gänzlich zum Opfer gefallen sei. Auf Nachfrage winkt der Sender ab. „Die Darstellung, in der Folge seien ‚Gedanken und Argumente bis zur Unkenntlichkeit entstellt‘ worden, weist das ZDF zurück“, sagte Sprecher Thomas Hagedorn WELT. Dabei war die Sendung noch weitgehend harmonisch verlaufen. Fleischhauer hatte sich selbst als Kriegsdienstverweigerer vorgestellt, der den Zivildienst aus Opportunismus und „ein bisschen Schiss“ der Bundeswehr vorgezogen habe. Die heutige Gesellschaft sei „durchpazifiziert und postheroisch“. Der Moderator und der Influencer bekundeten ihre Bewunderung für Stanley Kubricks Antikriegsfilm „Full Metal Jacket“. Dressler sagte, dass Russland „kein total friedliebendes Regime“ sei, sah aber keinen Grund für einen Angriff auf Deutschland. Es werde immer so getan, als stünde „der Russe“ vor Berlin. „Das ist die große Verlogenheit.“ Im Worst-Case-Szenario würde das Baltikum angegriffen, sagte der Influencer beschwichtigend. „Auch dann würden wir weiterexistieren. Nur der deutsche Staat wird vielleicht nicht weiter existieren – aber ich bin ja nicht der deutsche Staat.“ Unmittelbar nachdem die Ausgabe am 5. Dezember in der Mediathek online gestellt worden war, hatte Dressler einen über Instagram geführten Chat mit einer Zuschauerin online gestellt, indem es um den fehlenden Gesprächsteil über den Krieg in Gaza ging. Zugleich nannte er die Sendung in einer Instagram-Story – positiv konnotiert – „geile ZDF-Scheiße“. Kritik äußerte der Anti-Wehrpflicht-Influencer Ole Nymoen. „Wann kriegen wir den Director‘s Cut zu sehen, wo Simon fragt, ob Sie die drei baltischen Länder von Nord nach Süd aufzählen können?“, fragte dieser Fleischhauer auf X. Insbesondere die halbstündige Debatte über Gaza fehle ihm. In seinem Podcast „Aufrechte Demokraten“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/5Zr4lSyKKC2DaRG5WdkXMT) , den er mit dem Autor und TikTok-Influencer Ole Liebl leitet, schilderte Dressler seinen Blick auf die Sendung. 90 Minuten habe er mit Fleischhauer diskutiert. Ergänzend seien pro Person jeweils 45 Minuten Vor- und Nachgespräche mit einer Redakteurin gedreht worden, sodass die Produktionsfirma auf deutlich über drei Stunden Filmmaterial gekommen sei. „Ich hatte schon ein bisschen die Sorge, dass da eventuell ein paar Argumente vom Tisch runterfallen“, sagte er. „Ich wusste, dass es nicht in voller Länge erscheint.“ Scharfe Kritik äußerte Liebl. „Wenn ich diese Sendung sehe, dann ist die Moderation komplett verschwunden und wurde unsichtbar gemacht durch den Schnitt. Und diese Form der infrastrukturellen Diskursverunmöglichung, indem einfach die wichtigsten Argumente und die kontroversesten Themen komplett rausgelassen wurden, das ist wirklich bodenlos“, beanstandete er. „Der Schnitt kommt mit einer erbarmungslosen Kälte und macht jede Form von Gespräch zunichte. Das ist keine Diskussion, das ist keine Debatte, das ist kein Gespräch, das ist keine Kontroverse, das ist kein Austausch, das ist gar nichts.“ Auch an Fleischhauer stießen sich beide. „Es ist immer wieder unerträglich, ihm zuzuhören – vor allem aus der linken Perspektive“, sagte Liebl. „Aber gut, auch das Unzumutbare ist von der Pressefreiheit gedeckt.“ Dressler wiederum attestierte dem Journalisten „ein Talent zur Polemik“. Als Moderator, Showmaster und Teilnehmer in einem sei er allerdings „ein bisschen überfordert“ gewesen. Länger als die gesamte veröffentlichte Sendezeit hätten sie über den Krieg im Gazastreifen gesprochen. Dabei habe Fleischhauer eine „offene Leugnung von den unfassbarsten Abscheulichkeiten“ gezeigt. Im gemeinsamen Podcast führten Liebl und Dressler die Wehrdebatte weiter. „Es ist so offensichtlich, dass die Militarisierung, die von Deutschland ausgeht, die materielle Aufrüstung, die ideologische Aufrüstung, jetzt das neue Wehrpflichtgesetz, dass es da eben nicht darum geht, kurzfristig irgendeine drohende Invasion von Russland abzuwenden“, behauptete Fleischhauers Konterpart. Die Aggression sah er vom Westen ausgehen. „Europa und Deutschland im Besonderen merken, dass sie ihre eigenen imperialistischen Ambitionen auf der Welt nicht mehr von den USA durchgesetzt bekommen, sondern alleine ihre militärischen Ansprüche geltend machen müssen – und dafür brauchen sie einfach krass viele Gewaltmittel.“ Putin werde dafür laut Liebl als Gegenspieler aufgebaut. „Weil man das nicht sagen kann, muss man es legitimieren mit dem bösen Russen.“ Gemeinsam mit seinem Podcast-Partner konkretisierte Dressler vergangenen Sonntag seine Kritik am ZDF. „Der ÖRR hat einen Auftrag zur politischen Bildung – und er sollte ihm nachkommen“, insistierten die Influencer. „Politische Debatten dort zu kürzen, wo es wehtut, will niemand sehen. Wir fordern das ZDF auf: Release the files!“ Ihren Tadel verbanden Dressler und Liebl mit drei Forderungen. Vom ZDF wünschten sie sich „Free Speech“, größeren Mut zur Länge sowie eine „ungecuttete Version“ der bisherigen Ausgaben von „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“. Jan Fleischhauer zeigte sich gegenüber WELT von den Vorwürfen überrascht. „Uns gegenüber hat er gesagt, es wäre alles super“, erklärte der Journalist. Zwei Redakteure der Produktionsfirma übernähmen den Schnitt, wobei Fleischhauer betonte, „wie bemüht die sind, dass sie auch den Gästen gerecht werden.“ Wenig Verständnis zeigte er auch für Dresslers Missbilligung, dass die Debatte zum Nahost-Konflikt in der finalen Fassung der Sendung gänzlich fehle. Der Influencer sei eingeladen worden, um über die Wehrpflicht zu sprechen – nicht über Gaza. So äußerte sich auch ZDF-Sprecher Thomas Hagedorn. Dressler habe vor der Aufzeichnung gewusst, dass sich das Gespräch auf die Frage nach der Wehrpflicht fokussieren würde. „Wie bei dem Format üblich, wird ein längeres Gespräch auf eine knapp 30-minütige Sendefassung verdichtet – dabei können nicht alle Gesprächsteile Eingang finden“, schilderte er gegenüber WELT. „Die Aussagen und Argumente wurden im Rahmen dieses Konzeptes gekürzt.“ Eine Veröffentlichung der ungeschnittenen Fassung sei nicht vorgesehen. Mittlerweile soll der Influencer mit dem Unternehmen hinter „Keine Talkshow – Eingesperrt mit Jan Fleischhauer“ Kontakt aufgenommen haben. „In einem Gespräch mit der Produktionsfirma hat Herr Dressler seine Kritik inzwischen relativiert“, sagte ZDF-Sprecher Thomas Hagedorn gegenüber WELT. Indes sind die an das ZDF adressierten Forderungen nach wie vor als Instagram-Beitrag aufrufbar.